Mittwoch, 17. September 2014

Wo ist Davina Seyfried?Samstag, 23. April 2011

Weitere Bilder Ausgerüstet mit Stadtplänen und Flyern schwärmen Davinas frühere Mitstudentinnen aus, um jemanden zu finden, der sich an sie erinnert. (Foto: Ueberfeld)

„Meine Tochter ist verschwunden.“ Wie oft Ute Seyfried diesen Satz im vergangenen halben Jahr gesagt hat, weiß sie nicht mehr. Es werden Tausende Menschen gewesen sein, die sie so angesprochen hat. Immer in der Hoffnung, dass einer von ihnen antwortet: „Ich habe sie gesehen. Ich weiß, wo sie ist.“

In der grellen Frühlingssonne steht Ute Seyfried gestern Mittag vor dem münsterschen Hauptbahnhof, im Strom der vorbeieilenden Passanten. In der Hand hält die 54-Jährige einen Packen Flugblätter. „Vermisst wird Davina Seyfried aus Bremen“, steht darauf. Darunter sind vier Fotos ihrer Tochter zu sehen. Auf zweien lächelt sie fröhlich. Auf den beiden anderen wirkt sie mager, traurig, krank.

So hat ihre Mutter sie in Erinnerung. So sah Davina aus, als sie am 13. Oktober vorigen Jahres verschwand, aus einer psychiatrischen Klinik in Bremen, wo sie mit ihrer Familie lebt. Die sucht seitdem nach ihr. Mit wachsender Verzweiflung, aber auch mit nicht nachlassender Hoffnung. Auch in Münster, wo die 26-Jährige fünf Jahre lang studierte und 2009 ihr Staatsexamen als Lehrerin bestand (wir berichteten).
Schon vor Monaten war Ute Seyfried hier gewesen, hatte Obdachlosenheime und Frauenhäuser abgeklappert, Zettel verteilt, Plakate aufgehängt. Vielleicht hat sich die unter schweren Depressionen leidende Davina nach Münster geflüchtet, in die Stadt, wo sie sich wohl fühlte, wo es ihr gut ging. Weil es die Wahnvorstellungen und die Medikamente da noch nicht gab.

Gut zwei Dutzend junge Frauen haben sich mit Ute Seyfried und ihrer zweiten Tochter Bianka am Hauptbahnhof getroffen. Frühere Kommilitoninnen von Davina. Manche wohnen noch in Münster, manche sind angereist, um zu helfen. Wie Ronja Grehm aus St. Peter-Ording, die mit Davina an der Clevornstraße zusammen gewohnt hatte. Die 27-Jährige trägt wie Mutter und Tochter Seyfried ein weißes T-Shirt mit den Fotos ihrer vermissten Freundin.
Sie teilt die Helferinnen in Gruppen auf. Per Rad, per Auto oder zu Fuß machen sie sich mit ihren Flugblättern auf den Weg, dorthin, wo sich Davina während ihrer Jahre in Münster bevorzugt aufgehalten hatte. Rund um die Clevornstraße und ihre spätere zweite Wohnung in Gievenbeck. Am Mathematik-Institut, wo sie studierte, und in der Mensa am Coesfelder Kreuz. Ein Team klappert den Aasee vom Zoo bis zu den Kugeln ab. Eines die Fresnostraße und den Leonardo-Campus, eines zieht in die Innenstadt, zur Uni-Bibliothek und in die Jüdefelderstraße.
Drei Stunden lang verteilen Davinas Freundinnen Flugblätter. Bitten darum, Plakate in den Schaufenstern von Geschäften aufhängen zu dürfen. Fragen, immer wieder, ob sich jemand an die junge Frau mit den traurigen braunen Augen erinnern kann. Die Hälfte der Menschen, sagt ihre Schwester Bianka, gehe einfach weiter, wenn man sie um Hilfe bitte. Die andere Hälfte aber bleibt stehen, liest die Flyer, will mehr über Davina und ihr Schicksal erfahren. Das, sagt Bianka Seyfried, sind die, die ihr und ihren Eltern nach sechs Monaten noch die Kraft geben, weiterzumachen. Und die Hoffnung aufrechterhalten, dass Davina doch noch lebt.

Die bekommt am Nachmittag neue Nahrung. Ein Mann hat das Plakat in einem Bioladen auf der Hammer Straße gesehen und sich sofort telefonisch gemeldet. Er sei ganz sicher, dass er Davina dort vor ein paar Wochen getroffen und mit ihr gesprochen habe, erzählt er Bianka Seyfried. Sie habe abwesend gewirkt, nach hochkalorischer Nahrung gesucht. Der erste konkrete Hinweis seit Monaten sei das, sagt Davinas Schwester, „und ein so toller, weil er sich so sicher war“. Trotzdem müssen die Seyfrieds jetzt erst einmal wieder warten. Wenn die Spur nach Münster konkreter wird, wollen sie wiederkommen

Fügen Sie diesen Artikel zu den folgenden Social-Bookmarking-Diensten hinzu:
Delicious Facebook Twitter Google Kledy LinkArena Mister Wong MySpace OneView StudiVZ Webnews Yahoo
Beitrag von: Kaufen und Sparen
Zurück

Einen Kommentar schreiben



Bitte geben Sie die Buchstabenreihe im unteren Bild in das Textfeld über dem Absenden-Button ein.





Es sind noch keine Leserkommentare vorhanden, warum schreiben Sie nicht den ersten?